Bekenntnisse eines Economic Hit Man

Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia

John Perkins war ein „Economic Hitman“ – ein Wirtschafts-Killer. Sein Bestseller „Bekenntnisse eines Economic Hitman“ erschien kürzlich in einer aktualisierten Neuausgabe. Er zeigt, wie US-Firmen mit Weltbank-Krediten ganze Länder abhängig machen. Auch Russland steht in ihrem Visier, so der Insider in Teil 1 des EXKLUSIV-Interviews mit Sputniknews.

 

Mr. Perkins, Ihre Kritik am derzeitigen US-dominierten Wirtschaftssystem der Welt stützt sich auf Ihre eigene Erfahrung. Sie haben einst als „Economic Hitman“, also als Wirtschaftskiller, gearbeitet. Was haben Sie da eigentlich gemacht? 

Meine offizielle Berufsbezeichnung lautete: Chef-Ökonom und Wirtschaftsberater bei einem großen Wirtschaftsberatungs-Unternehmen. Mein Job war es, Länder mit großen Rohstoffvorkommen zu identifizieren, die unsere US amerikanischen Unternehmen haben wollten. Sie wollten Öl und andere Dinge. Dann organisierte ich über die Weltbank und über deren Schwesterorganisationen riesige Kredite für diese Länder. Doch diese Gelder gingen nie in diese Länder. Stattdessen ging das Geld auf dem Umweg direkt an unsere US-Firmen, an Bauunternehmen wie Halliburton oder an Zulieferer wie General Electric und andere Unternehmen.

Die Firmen begannen dann Infrastruktur-Projekte in diesen Ländern. Projekte wie der Aufbau von Stromnetzen, auch Industrie-Gebiete oder Autobahnbau brachten riesige Gewinne. Davon profitierten aber nur die US-Unternehmen und ein paar wenige reiche Familien in den Ländern – aber die Länder wurden dann mit riesigen Schulden hinterlassen und die armen Schichten sowie die Mittelklasse dort hatten dann schrecklich darunter zu leiden.

Sie haben im Rahmen Ihrer Tätigkeit für das US-Wirtschaftsberatungsunternehmen Chas T. Main große Kredite an Entwicklungsländer vergeben. Wie groß waren diese Kredite? Über welche Summen sprechen wir da?

Wissen Sie: Es ist schwer, sich konkret daran zu erinnern. Weil ich meine Arbeit bereits in den 70ern getan habe. Die Kreditsummen von damals waren ganz andere als heute. Manche der Aufträge waren milliardenschwer. Es kam immer auf das Land, auf das konkrete Projekt an. Aber in manchen Ländern waren es millionenschwere Budgets, um landesweite Stromnetze aufzubauen. Das umfasste den Bau von Stromkraftwerken, von Stromleitungen und Verteilungsnetzwerken. Da ging es immer um riesige Summen.

Was haben Sie ganz konkret gemacht? Können Sie da ein Beispiel nennen: Vielleicht Panama oder Honduras? Wie läuft das ab, wenn ein Wirtschafts-Killer seine Arbeit in einem Entwicklungsland aufnimmt?

Im Fall von Panama ging es um ein landesweites Stromnetz, das aufgebaut werden sollte. Dafür haben wir der Regierung große Kreditsummen gegeben. Unser tatsächliches Ziel in Panama war es aber, den Staatschef Omar Torrijos zu kompromittieren, also bestechlich zu machen und ihn in eine Position zu bringen, wo er uns jede Menge Geld schuldete. Und auf dieser Grundlage konnten wir ihn erpressen und steuern.

Torrijos hatte versucht, den Panama-Kanal den USA aus den Händen zu entreißen und wieder für den eigenen Staat zurückzugewinnen. Was aber noch wichtiger war: Er wurde in ganz Lateinamerika – und auch im Rest der Welt – als ein Politiker aus einem kleinen Land gesehen, der sich der Großmacht USA widersetzen konnte. Er war der Mann, der den Kanal wieder an das Volk von Panama geben wollte. Aber es ging nicht nur um den US-kontrollierten Panama-Kanal. Torrijos hatte zudem einen starken Standpunkt gegen den US-Imperialismus. Er wurde zu einer weltweiten Führungsfigur, in politischer wie spiritueller Hinsicht.

(* Anm. d. Red.: Chas T. Main war ein Wirtschaftsberatungs-Unternehmen mit Sitz in Boston, USA. Dort arbeitete Perkins als Chef-Ökonom. Seine Aufgabe war es, mit Weltbank-Krediten Entwicklungsländer und deren Regierungen von US-Unternehmen abhängig zu machen. Darüber hinaus wurden die Kredite als Druckmittel verwendet, um bestimmte außenpolitische und geheimdienstliche Ziele der USA in diesen Ländern zu verwirklichen: Beispielsweise den billigen Zugang zu Rohstoffen wie Öl oder den Bau von US-Militär-Basen in dem Land. Lesen Sie mehr dazu in Teil 1 des Interviews.)

 

Also wurden diese Kredite und damit Schulden dazu genutzt, um Regierungs- und Staatschefs zu erpressen, zu steuern und zu kontrollieren?

Die Kredite wurden vielfältig eingesetzt. Panama war eine Ausnahme, hier ging es um die politische Staatsführung. Passendere Beispiele sind Ecuador, Indonesien oder Kolumbien: Dort waren wir hinter dem Öl her. Wir vermuteten dort viele Ölquellen. Wir brachten die Regierungen dieser Länder dazu, unsere riesigen Kredite anzunehmen und sie mussten ihre Ölvorräte als Sicherheit hinterlegen. Also sagten wir: „Hey, ihr habt euch jetzt von uns diese Millionen Dollar geborgt – und dafür haben unsere US-amerikanischen Öl-Unternehmen Zugang zu eurem Öl zu sehr geringen Preisen und Marktbedingungen. Ohne dabei auf irgendwelche umweltpolitischen Bestimmungen oder Regularien achten zu müssen.“

Wenn diese Länder dann diese Kredite nicht mehr bedienen konnten, dann sagten wir oft: „Ok, ihr könnt jetzt eure Schulden nicht bei uns bezahlen. Dafür stimmt euer Land jetzt bei der nächsten UNO-Abstimmung pro USA. Oder ihr gebt uns die Erlaubnis, dafür eine US-Basis auf eurem Territorium zu errichten.“ Oder etwas Ähnliches in der Art. Wissen Sie, das ist eine sehr alte Form, die Kontrolle über einen fremden Staat zu übernehmen. Es ist eine sehr alte Taktik, jahrtausendealt, von vielen Weltreichen praktiziert. Auch von der Sowjetunion.

Sie waren selbst bis 1981 aktiv. Wo sehen Sie heutzutage Spuren der „Economic Hitmen“? Ist Russland im Visier der Wirtschaftskiller?

Natürlich ist Russland ein Ziel. Und die USA sind Ziel der Russen. Ich habe erst vor zwei Monaten beim Internationalen St. Petersburger Wirtschafts-Forum gesprochen. Ich stand dort auf der Bühne mit Präsident Wladimir Putin und dem UN-Generalsekretär António Guterres. Ich war ziemlich beeindruckt von Putin. Er sagte: Spioniert Russland in den USA? Absolut, ja. Spionieren die USA bei uns? Natürlich, ja. Natürlich passiert das alles, keine Frage. Aber Putin sagte auch: Das sind eigentlich „Old News“.

Wir müssen jetzt lernen zu verstehen, dass wir alle eine neue globale Krise zu bewältigen haben, die uns alle betrifft: Klimawandel, Unsicherheiten, Ungerechtigkeit, Atomkriegsgefahr. Ich meine, viele führende Politiker der Welt beginnen zu realisieren, dass das alte System nicht mehr funktioniert. Wir müssen das System ändern. Nur Donald Trump, US-Präsident, scheint es nicht zu kapieren. Er hinkt da hinterher.

Mr. Perkins, wie haben Sie eigentlich bemerkt, dass Ihr Arbeitgeber, eine Consulting Firma in Boston, Aufträge für die US-Geheimdienste NSA und CIA ausführt? Gab es da einen bestimmten Augenblick der Wahrheit, oder wie haben Sie das herausgefunden? 

Ich muss eines klarstellen: Ich habe nie direkt für diese Dienste gearbeitet. Und für mein Unternehmen muss ich sagen: Die Aufträge kamen über die Weltbank oder über die US-Entwicklungsbehörde. Oder vom US-Finanzministerium. Mit diesem hatten wir einen Vertrag über ein Engagement in Saudi-Arabien. Also: Meine Firma wurde von diesen Institutionen bezahlt. Und meine Firma wiederum hat mich bezahlt. Wir hatten nie einen richtigen Vertrag mit der NSA oder der CIA. Das lief immer über Zwischenverträge, Mittelsmänner und Sub-Unternehmen – soweit ich zumindest weiß.

Die Verbindung, die ich zur NSA hatte, war sehr indirekt. Der Mann, der mich bei Chas T. Main* eingestellt hatte, war in der Reserve der US-Armee und hatte wohl Verbindungen zu US-Geheimdiensten. Also gab es eine indirekte Beziehung, aber keine direkte.

Also haben Sie auch keine CIA- oder NSA-Agenten im Rahmen Ihrer Tätigkeit getroffen?

Ich habe wahrscheinlich welche getroffen, aber sie haben sich nie als solche identifiziert. Das ist ziemlich typisch für jede Geheimdienstszene. Egal ob in Deutschland, in Russland oder in der Sowjetunion zu jener Zeit. Es ist typisch, dass Leute, die für die CIA oder den KGB arbeiten, keine Namenskarten tragen oder sich selbst so nennen. Sie hatten meist Cover-Identitäten, waren offiziell Diplomaten, Handelsattachés in der US-Botschaft, oder sie arbeiteten für Privatunternehmen. Ich traf also nie jemanden, der sich als CIA- oder NSA-Agent identifiziert hatte. Ich vermute jedoch, dass ich einige von denen im Laufe meiner Arbeit getroffen und auch mit ihnen zusammengearbeitet habe.

Welche Rolle spielen die Geheimdienste im heutigen Weltwirtschaftssystem?

Das zeigen mittlerweile auch TV-Serien im US-Fernsehen wie „Patriot“: Die NSA, die CIA und andere solcher Dienste bedienen sich häufig Leuten aus der Wirtschaft. So wie die NSA das bei mir gemacht hat. Warum? Weil das einfach nur ein Super-Cover ist. Sprich: Man nimmt sich Wirtschaftsleute, die verdeckt für die Geheimdienste arbeiten. Ich wurde niemals von der CIA oder der NSA bezahlt. Ich wurde immer von meinem Arbeitgeber Chas T. Main bezahlt. Der wiederum wurde aber von den Diensten bezahlt, um gewisse Infrastruktur-Projekte in den armen Ländern durchzuführen. Damit kann die US-Regierung hinterher immer glaubhaft beteuern, man habe mit der ganzen Aktion nichts zu tun und nie davon gewusst. Das wurde ja alles nur von einer privaten Firma getan.

Warum sind Sie dann ausgestiegen?

In den ersten Jahren dachte ich, was ich dort mache, ist eine gute Sache für jeden, auch für die Entwicklungsländer. Weil wir ja Geld investierten und die Länder vorankamen – wie Statistiken zeigten. Aber im Laufe der Zeit begann ich zu sehen, dass die Investitionen nur wenige reiche Familien in den Entwicklungsländern, US-Unternehmen und natürlich meine Firma begünstigten. Wenn wir Geld an Länder wie Ecuador oder Indonesien verliehen, war das immer an die Bedingung geknüpft, dass dieses Geld dazu verwendet wird, Infrastruktur-Aufträge ausschließlich für US-Unternehmen in diesen Ländern zu sichern, für US-Firmen wie Halliburton oder General Electric. Und dabei halfen die reichen, Oligarchen-Familien in den betreffenden Ländern mit.

Jedoch: Die Mehrheit der Bevölkerung im Land, die Armen und Ärmsten, litten weiter und blieben finanziell am Boden. Es hat mich Jahre gekostet, das zu kapieren. Ein Grund für dieses Verständnis liegt auch darin, dass ich im Friedenscorps der USA gedient habe und fließend Spanisch sprechen kann. Ich war in diesen Ländern auf den Straßen, habe mit der Bevölkerung geredet, habe gesehen, wie schlecht es denen geht.

Was geschah nach Ihrem Ausstieg?

Mein alter Arbeitgeber hat alles versucht, mich weiter drin zu behalten. Ich zog aber weg und begann, ein Buch zu schreiben. Darüber, was ich getan habe. Ich kontaktierte andere Leute aus der Branche. Die sogenannten „Schakale“. Sie kamen zum Einsatz, wenn wir Economic Hitmen nicht damit weiterkamen, die Staatsführung eines Landes zur Kooperation mit uns zu bewegen. Unwillige Regierungen wurden dann von den Schakalen durch Staatsstreiche, durch Putsche oder sogar durch Attentate abgesetzt.

Ich habe nach meinem Ausscheiden Drohanrufe und Morddrohungen erhalten. Drohungen gegenüber mir, meiner Familie, meiner Tochter. Und ich erhielt sogar ein sehr lukratives Angebot von einem anderen Wirtschaftsberatungs-Unternehmen, einem unserer Haupt-Konkurrenten. Sie sagten mir: „Nimm unser Angebot an und schreib das Buch nicht.“ Also fühlte ich mich etwas bedrängt und schrieb erstmal Bücher zu anderen Themen. Erst viele Jahre später schrieb ich dann „Bekenntnisse eines Economic Hitman“, mein bekanntestes Buch. Bekenntnisse eines Economic Hit Man

 

 

 

Andrew Connors

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