Deutscher Michel? Deutscher Kämpfer!

Heutzutage gilt unser Volk auch nach unserem vorherrschenden Selbstverständnis als Gemeinschaft geborener Duckmäuser. Doch ein Blick in die Geschichte kündet vom Gegenteil.

von Alain Felkel

In Deutschland herrscht die Meinung vor, die Deutschen seien ein Volk, das in der Vergangenheit fast alles sklavisch erduldete, was fürstliche und staatliche Autoritäten verordneten, und das nie lernte, um seine demokratische Freiheit zu kämpfen. Noch immer herrscht der Irrglaube vor, dass die Deutschen erst mit den Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Einigkeit vertraut wurden, als französische Revolutionstruppen 1792 in Deutschland einmarschierten oder die über Hitler siegreichen Alliierten sie 1945 damit beglückten.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Deutschen sind ein rebellisches Volk, das hinsichtlich seiner Aufstandsgeschichte den Vergleich mit anderen Nationen nicht zu scheuen braucht. Der deutschen Geschichte mangelt es nicht an Helden und Mythen, tragischen Niederlagen und glorreichen Siegen im Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit. Das Panorama reicht von mutigen Recken wie Arminius und Widukind, gesellschaftlichen Utopisten vom Schlage eines Thomas Müntzer über verwegene Volkstribunen und Bauernführer, die nicht davor zurückschreckten, selbst den Kaiser herauszufordern. Die namenlosen deutschen Demokraten und Republikaner der Jahre 1848/49, die Arbeiter und Matrosen der Novemberrevolution 1918, die protestierenden DDR-Bürger der Jahre 1953 und 1989 – sie alle waren keine gefügigen Untertanen, sondern Rebellen in Geist und Tat.

In Blut ertränkt

Warum wurde dieser wichtige Aspekt der deutschen Geschichte vergessen? Dies liegt zum Teil daran, dass der deutschen Aufstands- und Revolutionsgeschichte das Odium des Scheiterns anhaftet. So endete der Deutsche Bauernkrieg 1525 mit einem fürchterlichen Blutbad, die Einheits- und Freiheitsbewegungen des Vormärz in den Kerkern des Metternichschen Systems und die Revolution von 1848/1849 mit der völligen Unterdrückung der demokratischen Kräfte Deutschlands. Siegreiche Erhebungen wie die Novemberrevolution von 1918 fallen nach der Wiedervereinigung in der öffentlichen Meinung kaum ins Gewicht.

Zurück blieb die Karikatur des sprichwörtlichen «deutschen Michels», des bis zur Trotteligkeit gutmütigen Spießbürgers. Das Scherzbild leitete sich von einer Figur der Renaissance ab, die unter dem deutschen Michel eher einen ungebildeten Trunkenbold verstand. Etwas verwandelt tauchte es am 24. März 1848 im Eulenspiegel auf: Die Satirezeitung zeigte den Michel mit Nachthemd und Nachtmütze auf dem Kopf, wie er unmartialisch die Revolution zu verschlafen droht. Die Figur wurde zum Sinnbild einer Erhebung, die nicht nur am politischen Widerstand, sondern auch an der Halbherzigkeit und Inkonsequenz ihrer Protagonisten scheiterte.

Politisch nicht korrekt

Der Kampf gegen die Obrigkeit ist in Deutschland eine Geschichte vieler Niederlagen, aber auch großer Siege. Sie wurden zu Zeiten erfochten, als es weder Rechts noch Links gab, sondern nur ein Unten oder Oben. Dass es bei diesen Aufständen – gerade, wenn sie geschichtsmächtig wurden – nicht politisch korrekt zuging, machte der DDR-Historiker Wilhelm Zimmermann in seinem epochalen Werk Der große deutsche Bauernkrieg deutlich: «Die große Bewegung von 1525 hat ihre schöne wie ihre düstere Seite, reine und edle Kräfte walten darin neben unreinen und finsteren. Der Geist, aus welchem der ganze Kampf hervorging, war der Geist der Freiheit und des Lichtes. Die einzelnen Erscheinungen, in welchen sich der Geist Bahn zu brechen sucht, mögen noch so getrübt sein, dieser blieb dennoch der, der er ist.»

 

Ich habe in meinem Buch Aufstand Die Deutschen als rebellisches Volk versucht, das falsche Bild über unsere Geschichte zu korrigieren. Es wird Zeit, dass bekannt wird: Die Deutschen sind ein Volk von Rebellen und Revolutionären, sie waren es schon immer, zu allen Zeiten, in allen Regionen, gegen mancherlei Herrschaft.

Alain Felkel (*1965) ist Autor des Buches «Aufstand. Die Deutschen als rebellisches Volk» (Luebbe, 2009), in dem er beispielhaft aufzeigt, wie sich die Deutschen in ihrer Geschichte gegen Unterdrückung und Gewaltherrschaft aufgelehnt haben. Außerdem verfasste er Drehbücher, ist Berater zu historischen Themen bei Fernsehproduktionen und war Co-Autor des Begleitbuches zur TV-Dokumentation «Die Germanen».

 

 

Andrew Connors

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