147 Konzerne regieren die Welt

Karen Hudes ist Absolventin der juristischen Fakultät Yale und arbeitete über 20 Jahre lang in der Rechtsabteilung der Weltbank. Doch die führende Juristin wurde gefeuert, weil sie die Korruption innerhalb der Weltbank öffentlich ankreidete. In ihrer einzigartigen Position erhielt sie tiefe Einblicke in das herrschende System, in dem die Eliten diese Welt regieren.

Von Marco Maier

Wäre Karen Hudes nicht in dieser Position beschäftigt gewesen, würde man sie für eine Verschwörungstheoretikerin halten. Immerhin versucht sie den Menschen zu erklären, wie eine machthungrige Gruppe von Menschen mit Hilfe von Mega-Konzernen und Finanzinstituten ein neofeudales System erschafft. Dies erklärte sie schon vor rund einem Jahr.

Das Ziel, so Hudes, sei die globale Versklavung durch Schulden. Egal ob es sich um die „normalen“ Menschen oder die Regierungen handelt. Dazu nutzen sie die Abhängigkeit von Politikern und Parteien von Spendengeldern und die großen Massenmedien, die sich längst schon weitestgehend in Händen der Eliten befinden. Und noch einmal: dies ist keine „Verschwörungstheorie“, sondern das Geständnis einer Aussteigerin die über zwei Jahrzehnte selbst ein Rädchen der globalen Finanzoligarchie war.

In einem kürzlich gegebenen Interview mit dem „The New American“ konkretisierte Hudes dieses global agierende Netzwerk, welches sich zusehends rund um einen kleinen Kern von Finanzinstituten bildet. Diese extreme Konzentration von Geld und Macht birgt jedoch enorme Gefahren für Politik und Wirtschaft, aber vor allem auch die Weltbevölkerung in sich.

Im Zentrum dieses Netzwerks, so Hudes, befinden sich 147 Finanzinstitute und Zentralbanken. Darunter auch die Federal Reserve (Fed), die zwar vom Kongress geschaffen wurde, jedoch durch ein konspiratives Kartell von Privatbanken kontrolliert wird. „Dies ist eine Geschichte darüber, wie das internationale Finanzsystem heimlich gespielt wurd – vorwiegend durch die Zentralbanken, sie sind diejenigen, über die wir sprechen“, erklärte sie. „Die Zentralbanken haben dieses System gespielt. Ich würde sagen, dass dies ein Griff nach der Macht ist.“

 

Entsprechend Hudes‘ Enthüllungen ist die Fed das Zentrum dieser Spielereien und der ganzen Vertuschungen. So sollen die Zentralbanken ihrer Aussage nach auch den Goldpreis aktiv manipulieren. Die Fed als Schlüsselspieler betreibt demnach ein intrigantes Spiel, um die Kontrolle über die Weltwirtschaft zu behalten. Ganz zu schweigen vom Vertrauen in die Papierwährungen. Viele hochrangige Analysten und Experten äußerten schon früher die Vermutung, dass die Zentralbanken aktiv intervenieren, um den Goldpreis möglichst niedrig zu halten, damit der Wertverfall des „Fiat Moneys“ nicht dermaßen auffällt. Hudes bezweifelt zudem, dass sich überhaupt noch nennenswerte Goldreserven in Fort Knox befinden.

Wenn wir ehrlich sind: Wer hat so ein großes Interesse daran, dass der US-Dollar weiterhin die Weltleitwährung ist? Weshalb sind mit Hussein und Gaddafi zwei prominente Abtrünnige des Dollarsystems tatsächlich ermordet worden? Warum wird jetzt seitens der USA die Sanktionslinie gegen Russland härter gefahren, nachdem der russische Präsident den Rubel stärken, und das Land den Außenhandel zunehmend via Euro, Rubel und Yuan abwickeln möchte?

Doch nicht nur die Fed spielt in diesem perfiden Spiel um Macht und Geld eine enorme Rolle: die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) spielt hierbei den Club der privaten Zentralbanker darf hierbei nicht fehlen. Hudes führt fort: „Nun, werden die Menschen weiterhin Zinsen für die Schulden ihrer Länder zahlen wollen, wenn sie erfahren, welche geheimen Tricks diese Gruppe angewendet hat? Vergessen Sie nicht, wie sie sich außerordentlich bereichert und das Geld der Steuerzahler genommen haben.“ Damit spricht sie die Bankenrettungen auf Steuerzahlerkosten an, die von den Zentralbanken mitorganisiert wurden. Ein Schelm wer bezüglich ESM, Bankenrettungen und der aktuellen EZB-Politik etwas Böses denkt, zumal deren Direktor, Mario Draghi, als Goldman-Sachs-Banker direkt aus dem Umfeld der Finanzeliten stammt, die dieses Netzwerk geschaffen haben.

Karen Hudes bezeichnet die Finanzoligarchie ganz offen als Gauner und Mafia. So sagte sie: „Diese Verbrecher denken, wenn sie die Menschen länger für dumm verkaufen können, könnten sie sie länger ausbluten lassen.“ Und so ist es. Jegliche Kritik am herrschenden System wird mit übelsten Unterstellungen bedacht – Wer die Fed kritisiert, wird zum Antisemiten erklärt. Wer sich zu den dubiosen Machenschaften der Finanzoligarchie negativ äußert, gilt als Verschwörungstheoretiker. Doch wer das ganze Schema erkennt und die Mosaiksteinchen danach zu einem Bild zusammenfügt, kann nur diese Schlüsse ziehen, die von der Whistleblowerin Karen Hudes inzwischen publik gemacht wurden.

Professor Carroll Quigley von der Georgetown Universität schrieb schon in seinem 1966 erschienenen Buch Katastrophe und Hoffnung: Die Geschichte der Welt in unserer Zeit:  „Die Mächte des Finanzkapitalismus hatten ein weitreichendes Ziel, nichts weniger als ein weltweites System der privaten Finanzkontrolle zu schaffen, welches in der Lage ist das politisch System eines jeden Landes und die Wirtschaft der Welt als Ganzes zu beherrschen.“ Darin beschrieb er unter anderem, wie dieses neofeudale System entstand, und wie die von Privatbanken gesteuerten Zentralbanken schrittweise ihre Finanzoligarchie etablierten.

147 KONZERNE KONTROLLIEREN DIE WIRTSCHAFT

ETH-Forscher aus dem Bereich Systemdesign haben den globalen Kapitalismus mit den Methoden der modernen Systemtherorie unter die Lupe genommen. Ihr Schluss: Eine kleine Gruppe von 147 Firmen kontrolliert den Grossteil der übrigen Wirtschaft.

Grafik aus der Studie [1] auf Seite 4

Studie als pdf: 
http://arxiv.org/PS_cache/arxiv/pdf/1107/1107.5728v1.pdf

Die Forscher [2] filterten aus der Datenbank Orbis – diese enthält die Einträge von rund 37 Millionen Firmen – etwas mehr als 43’000 multinationale Konzerne heraus, welche durch wechselseitige Aktienbesitze vernetzt sind. Gemäss «SonntagsZeitung» stiessen die Systemtheoretiker bei der weiteren Analyse von Besitz- und Machtverhältnissen auf einen Kern von 1318 Firmen, die dank Aktien grosse Teile der Realwirtschaft kontrollieren.

Finanzinstitute im Zentrum
Damit waren die Forscher noch nicht im effektiven Zentrum der Machtkonzentration angelangt. Denn innerhalb des Netzwerkes stiessen sie erneut auf eine Einheit von 147 Konzernen, die noch stärker vernetzt sind. Diese Konzerne haben nicht nur eine fast vollständige Kontrolle über sich selber, sie beherrschen auch rund 40 Prozent der übrigen Wirtschaft. «Wir hatten nicht erwartet, dass die Macht im Zentrum derart konzentriert sein würde», meint einer der Studienautoren, James Glattfelder, gegenüber der «SonntagsZeitung».

Ebenfalls spannend: Rund drei Viertel der Mitglieder der Super-Einheit gehören der Finanzindustrie an. Im Zentrum steht der britische Finanzmulti Barclays. Die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse folgen auf den Plätzen 9 und 14. «Wir haben die Daten mit verschiedenen Modellen durchgerechnet und kamen immer zu sehr ähnlichen Ergebnissen», sagt Glattfelder. «Das Zentrum blieb weitgehend stabil.»

Wettbewerb wird behindert
Die starke Machtballung steht nicht nur im Widerspruch zu einem demokratischen Staatsverständnis, sie gefährdet durch ihre dichte Vernetzung auch die Stabilität des Systems. Glattfelder: «Das Gesamtsystem wird so instabiler, weil sich Probleme leicht ausbreiten können.» Ein Beispiel dafür sind die Auswirkungen, welche der Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers (sie rangiert auf Platz 34) auf die Finanzwirtschaft hatte.

Diese Konzentration von Macht behindert aber auch den Wettbewerb. Die Mitglieder des Kerns seien durch gemeinsame Interessen verbunden, das mache Reformen schwierig, sagt Glattfelder: «Wenn sich eine solche Struktur einmal gebildet hat, lässt sie sich kaum mehr aufbrechen.»

Hier die Top 25 (ausführliche Übersicht mit entsprechenden Kennzahlen in der Studie auf S. 33) [1]

1 BARCLAYS PLC
2 CAPITAL GROUP COMPANIES
3 FMR CORP
4 AXA FR
5 STATE STREET CORPORATION US
6 JPMORGAN CHASE & CO.
7 LEGAL & GENERAL GROUP PLC
8 VANGUARD GROUP, INC., THE US
9 UBS AG CH
10 MERRILL LYNCH & CO., INC.
11 WELLINGTON MANAGEMENT CO. L.L.P. US
12 DEUTSCHE BANK AG
13 FRANKLIN RESOURCES
14 CREDIT SUISSE GROUP
15 WALTON ENTERPRISES LLC
16 BANK OF NEW YORK MELLON CORP
17 NATIXIS
18 GOLDMAN SACHS GROUP, INC
19 T. ROWE PRICE GROUP, INC.
20 LEGG MASON, INC.
21 MORGAN STANLEY
22 MITSUBISHI UFJ FINANCIAL GROUP, INC.
23 NORTHERN TRUST CORPORATION
24 SOCIÉTÉ GÉNÉRALE
25 BANK OF AMERICA CORPORATION

Laut Ihrer Forschung kontrollieren einige wenige Firmen die Weltwirtschaft. Wie soll das gehen?

Glattfelder: Wir haben aufgezeigt, dass 737 Firmen rund 80 Prozent des Marktes kontrollieren. Eine hoch vernetzte Kerngruppe von 147 Firmen kontrolliert allein sogar fast 40 Prozent. Das kleine Netzwerk besteht fast nur aus britischen und amerikanischen Banken und Finanzfirmen. Diese Erkenntnis hat uns überrascht. Im angelsächsischen Kapitalismus sollte eigentlich Besitzdemokratie herrschen. Tritt man aber einen Schritt zurück, sieht man, dass alle Fäden in sehr wenigen Händen enden.

Wie funktioniert Ihr Schritt zurück?
Battiston: Wir haben die Besitzverhältnisse von etwa 43’000 transnationalen Konzernen überprüft. Das heisst, wir haben geprüft, von welchen anderen Firmen die transnationalen Unternehmen direkt oder indirekt Anteile besitzen, und wir haben geprüft, welche grossen Aktionäre Anteile an den transnationalen Unternehmen besitzen.

Wie messen Sie Kontrolle?
Battiston: Aktionäre, die genügend Anteile von einer Firma besitzen, um in ihr Stimmrechte zu haben, können Kontrolle ausüben. Wie viel und unter welchen Umständen, da gehen die Meinungen auseinander. Im konservativen Szenario ist Kontrolle proportional zur Anzahl Aktien, die «one share, one vote»-Regel. Volle Kontrolle hat man also nur mit einer absoluten Mehrheit der Stimmen. Aber Kontrolle übt man de facto auch aus, wenn man eine relative Mehrheit besitzt, mehr als die übrigen Mitbesitzer, die nur kleine Anteile halten. Wir haben mit drei verschiedenen Kontrollszenarien gerechnet, und alle haben zu fast derselben Erkenntnis geführt.

Besitz ist aber doch nicht automatisch Kontrolle?
Battiston: Unsere Arbeit ist eine wissenschaftliche Studie. Die Daten zeigen einfach, was wir nicht ausschliessen können. Sie zeigen, wo Finanzakteure potenziell Einfluss nehmen könnten.

Und einige Firmen haben einen potenziell riesigen Einfluss?
Battiston: Genau. Einige wenige Finanzinstitute könnten, wenn sie wollten, starke Kontrolle ausüben. Unsere Studie zeigt aber auch: Diese Firmen sind eng miteinander vernetzt. Wenn der einen Firma etwas zustösst, kann das andere anstecken. Das gefährdet die Stabilität des Systems. Genauso wichtig wie «too big to fail» ist folglich «too connected to fail». Es gibt Firmen, die sind zu vernetzt, als dass man sie scheitern lassen könnte, ohne andere zu gefährden.

Vernetzung ist hier also negativ?
Battiston: Nicht unbedingt. Mit all ihren Abhängigkeiten interessieren sich die Firmen auch gegenseitig für ihr Wohlergehen. Wenn ich Anteile Ihrer Firma besitze, bin ich froh, wenn Ihre Firma gesund ist und ihr Wert steigt. Hinter dem vordergründigen Wettbewerb stehen dann gemeinsame Interessen, vielleicht sogar stille Vereinbarungen.

Wie passt dazu, dass einzelne US-Investmentbanken kurz vor dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 versucht haben, ihren Konkurrenten im selben Netzwerk wertlose Papiere anzudrehen?Battiston: Den Fall müsste ich genauer ansehen. Aber natürlich, viele Firmen versuchen weiterhin, besser als andere zu sein. Unsere Forschung lässt jedoch vermuten, dass es auch Situationen gibt, in welchen sie als Gruppe agieren.

Wissen die Chefs der 147 Firmen von ihrer Macht, oder haben sie erst durch Ihre Studie davon erfahren?
Glattfelder: Diese Frage beschäftigt uns auch: Ist hier eine Verschwörung im Gange, geschieht die Hypervernetzung einiger weniger mit Absicht? Oder ist die Machtstruktur allein durch Netzwerkdynamik und Selbstorganisation entstanden? Wir glauben Letzteres.

Eine natürliche Machtballung?
Glattfelder: Sehr wenige haben sehr viel, sehr viele haben sehr wenig – auf diese Verteilung stösst man auch überall in der Natur, wo Interaktion in komplexen Systemen herrscht.
Battiston: Wir glauben nicht, dass sich die Akteure im Kern heimlich abgesprochen und diese Struktur mit Absicht geschaffen haben. Wahrscheinlich entstand sie durch die Marktmechanismen, also in der Tat natürlich. Das heisst aber nicht, dass sie deshalb gut ist für unsere Wirtschaft und Gesellschaft.

Ihre Studie könnte aber auch die Verschwörungsthese stützen.
Glattfelder: Sicher, deshalb sieht sich ja auch die Occupy-Wall-Street-Bewegung durch unsere Forschung voll bestätigt: Ein paar Mächtige regieren die Welt.

Sie glauben das nicht?
Glattfelder: Nun, wir haben aufgezeigt, dass es tatsächlich eine kuriose Machtstruktur gibt. Aber wir glauben nicht, dass sie gezielt geschaffen wurde.

Sollte die Politik versuchen, die aufgezeigte Struktur zu verändern?
Glattfelder: Das zu beantworten, liegt nicht an uns. Wir spielen nur die Türöffner und zeigen, wie die globale Wirtschaft strukturiert ist. Weiterdenken müssen andere.
Battiston: Ökonomen, Politiker und Naturwissenschaftler sollten sich dieser Frage gemeinsam annehmen. Wenn sich zeigt, dass wir hier ein Problem haben, dann geht das Thema die ganze Gesellschaft an. Wir müssen entscheiden, ob wir eine Weltwirtschaft wollen, die abhängig ist von einem kleinen Kern von Finanzfirmen.

Was wären die Alternativen?
Battiston: Man könnte sich eine Wirtschaftswelt mit mehreren Kernen wünschen und die entsprechenden Regulierungen politisch vorantreiben.

Gegen die Marktkräfte?
Battiston: Markt und Wettbewerb entstehen nicht natürlich, sondern durch Wettbewerbspolitik. Der freie Markt fördert offenbar die Entstehung eines einzigen Machtkerns. Wenn eine Firma global gross werden will, wird sie in den Club der Grossen drängen und sich mit ihnen vernetzen. Seit 2007, dem Ausgangspunkt unserer Untersuchung, hat sich die Zusammensetzung des Clubs deshalb wohl verändert. Aber das ist für uns nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass es einen solchen Kern gibt und wie er funktioniert.

2007 stellten die USA und Westeuropa den Kern der meistkontrollierenden Firmen. Haben inzwischen Firmen aus aufstrebenden Ländern wie China oder Indien an Bedeutung gewonnen?
Glattfelder: Das halten wir für wahrscheinlich, ja. In unserem Datensatz von 2007 gehörten erst eine Handvoll indischer Firmen und ein russischer Konzern zu den 737 global kontrollstärksten Unternehmen.

Inwieweit hat die Finanzkrise Ihre Forschung inspiriert?
Battiston: Wir haben bereits vorher damit begonnen. Aber unsere Erkenntnisse könnten helfen, die gegenseitigen Abhängigkeiten von Firmen, Staaten und anderen Akteuren zu verstehen.

Lassen sich Krisen vorhersehen?
Battiston: Das scheint uns sehr ambitioniert. Der genaue Tag einer Krise lässt sich sicher nicht voraussagen. Aber wenn ich das mit einem Bild aus der Verkehrssicherheit umschreiben darf: Wir wollen das Bremssystem verbessern. Wenn Sie ein Auto fahren und die Bremsen sind ausgeleiert, dann werden Sie nicht voraussagen können, in welcher Kurve die Bremsen endgültig versagen und Sie verunfallen. Es genügt, wenn das System erkennt, dass die Bremsen gefährdet sind und Sie davor warnt, in die Berge zu fahren.

Ihr System ermöglicht Warnung?
Battiston: Wir haben eine Art Röntgenaufnahme gemacht und eine Struktur gefunden, die viele bisher nur vermutet hatten. Unser Bild ist noch nicht sehr genau. Es ist vergleichbar mit den ersten Landkarten: Exakt sind sie noch nicht, aber wenn man im Mittelmeer navigieren muss, ist es besser, eine grobe Karte zu haben als gar keine. Wir haben die grobe Struktur, nun sollten wir andere Forscher ins Mittelmeer entsenden, um die Küstenlinie exakt aufzunehmen.

Wie weit ist die Politik mit dem mächtigen Firmenknäuel verbandelt? George W. Bush wie auch Barack Obama wird eine zu grosse Nähe zur Wallstreet nachgesagt.
Battiston: Es wäre toll, wenn wir das wüssten. Wirtschaft und Gesellschaft sind durch viele Netzwerke verbunden: Verwaltungsräte, Politiker, Kreditoren. Leider ist mir keine Datenbank bekannt, die solche Beziehungen zwischen Wirtschaft und Einzelpersonen aufzeichnet.

Ihre Modelle operieren mit riesigen Datenmengen. Können Sie da einzelne Personen überhaupt sehen?
Glattfelder: Im globalen Netzwerk erscheinen Individuen erst etwa ab Rang 80. Sie scheinen ihre Investments anders zu strukturieren. Aber in den nationalen Ranglisten tauchen Einzelfiguren wie Warren Buffett durchaus auf. Seine Firma Berkshire Hathaway rangiert bei uns weltweit auf Platz 160.

In der Wissenschaft arbeitet man derzeit oft mit sehr grossen Datenmengen und simuliert ganze Welten. Woher kommt dieser Trend?
Battiston: Es sind immer grössere Datenmengen verfügbar. Seit Ende der 90er-Jahre kann man Terabytes speichern. Dank neuer Computertechnologie können wir sie nun auch verarbeiten. Wir haben allein in unserem Büro eine Datenbank mit 37 Millionen Firmen ausgewertet. Noch vor kurzem hätte eine Hochschule wie die ETH dafür ihre gesamten Ressourcen aufbieten müssen.

Die Existenz von riesigen Daten und schnellen Rechnern verführt Sie?
Battiston: Nein. Wir gehen wichtige Fragen auf neue Weise an. Bisherige Studien zu Wirtschaftskrisen haben sich meist auf einzelne Institutionen konzentriert. Aber diese Institutionen sind vernetzt. Empfehlungen an einzelne Akteure können die Krise verschlimmern, weil sie nicht berücksichtigen, was für das gesamte Netzwerk am besten wäre. Wenn wir lokal Stabilität forcieren, kann dies global gesehen Instabilität erzeugen.
Glattfelder: Die Wissenschaft verändert sich. Mit herkömmlichen Gleichungen lässt sich die komplexe und vernetzte Realität nicht mehr erklären.

Quellen:

http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Wenn-147-Konzerne-die-ganze-Wirtschaft–kontrollieren-/story/24530287
[1] http://arxiv.org/PS_cache/arxiv/pdf/1107/1107.5728v1.pdf
[2] https://www1.ethz.ch/sg/people/formercoll/jglattfelder
[3] http://www.bernerzeitung.ch/wissen/natur/Too-connected-to-fail/story/21929302

Andrew Connors

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